Das Schiff und das Meer

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EXODUS is a joint theatre production of artists from Germany, Poland, France, Italy, Spain, Austria, Portugal and Malta and is dedicated to the foundation of a veritable European Theatre: The seven participating theatre companies from all over Europe aim to create a regular schedule under the umbrella of a common corporate identity. EXODUS is the initiative?s showcase. The international production team will be blogging on the development of the initiative on a weekly basis.
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By Björn Potulski

Zehn Uhr morgens. Wir stehen am Tor der kleinen Marinebasis, warten auf Einlass; das dauert, es ist der maltesische Nationalfeiertag. Das Warten bietet keine Ablenkung von meinem Unwohlsein, Wirkung des unguten sizilianischen Weines vom Vorabend; am Kai liegt das Schiff, auf dem George Dienst tut und schaukelt in gemessenem Takt von einer Seite auf die andere. Endlich, wir werden abgeholt, ich frage nach dem Raum in dem wir uns unterhalten werden, man zeigt auf die ?P61?. George ist seit fünfzehn Jahren in der Marine, seit einigen Jahren an Bord des Flaggschiffes, das wir nun betreten.

Das Innere bietet überreichlich Gelegenheit, sich den verkaterten Kopf zu stoßen; ich klettere voran, einen fast senkrechten Niedergang hinab, Marion hinterher, den engen Gang zur Offiziersmesse geht George voran. Man entschuldigt sich, wie es hier aussehe, auf dem Boden liegen Maschinenteile herum, man unterziehe das Schiff einer umfangreichen Wartung; das ist irgendwie rührend, als täte es unseren Gastgebern leid, das Wohnzimmer nicht aufgeräumt zu haben, bevor der Besuch erscheint.

Marion, Björn, Cpt. James Grixti on board P61<

Ich befinde die nicht ungemütliche Offiziersmesse für gut, um darin ein Interview abzuhalten, es stört lediglich, dass der Kugelschreiber auf dem Tisch hin- und herrollt und das der Raum keine Fenster hat. Wir befragen George nach seiner täglichen Routine an Bord, nach den Aufgaben der maltesischen Marine, welche vielfältig sind: Polizeiaufgaben, Grenzschutz, Landesverteidigung, Dokumentation von Tierbeständen ? Fische, Wale und Schildkröten ? nicht zuletzt, und vor allem im Sommer: ?Search and Rescue?. Jedes Jahr im Mai, wenn es wärmer wird und das Mittelmeer ruhig ist, setzt sich der Exodus der Bootsflüchtlinge in Gang, die von Afrika aus versuchen, nach Europa zu gelangen.

Wir sprechen nicht über Politik, nicht über das Phänomen der ?Illegalen Einwanderung?, wir sprechen darüber, wie es ist, einen ertrinkenden, ausgezehrten Mann, vielleicht eine Frau und ihr kleines Kind, mit eigenen Händen aus dem Wasser zu ziehen. Oder 25 von ihnen, die von den Wellen alle auf einmal aus einem winzigen Boot geworfen wurden und nun panisch um ihr Leben strampeln; darüber, wie es ist, entscheiden zu müssen, wen man zuerst zu retten versucht, da zu viele im Wasser sind, um allen gleichzeitig zu helfen. Es überfordert die Vorstellungskraft zunächst: George macht das, der herzlich sympathische Mann, der uns gegenübersitzt und demnächst bei uns auf der Bühne stehen wird, er hat diese Begegnungen auf offener See, diese menschliche Extremsituation ist beinahe sein Alltag; eigentlich machen das doch nur die Leute in den Fernsehnachrichten?

Marion, Cpt. Grixti, Björn

Wir unternehmen einen Rundgang durch das Schiff. Ich erkundige mich auch nach der Seekrankheit. Unter dieser leide man durchaus von Zeit zu Zeit, auch als professioneller Seemann. Besonders der Schiffskoch sei anfällig, der stünde schließlich in der Hitze und den Essensdämpfen, das sei gar nicht gut, vor allem da die Kombüse keine Fenster habe und man folglich den Horizont nicht sehen könne. Auch George ist in schwerer See schon eingesprungen, nachdem man den Koch in die Koje hatte bringen müssen. Dies erzählt er uns in der Küche, in einem sehr großen Topf rührend, in dem ein Kaninchengericht schmort, obligate Gaumenfreude am maltesischen Nationalfeiertag. Mir ist inzwischen so übel, dass ich mich an Land sehne. Nach Besichtigung der Mannschaftsunterkünfte, des Maschinenraumes und der Brücke erfüllt sich, was ich kaum erwarten kann.

Wir danken der maltesischen Marine herzlich für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

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Björn Potulski was born in Munich in 1976. As the initiative?s artistic director, Björn is coordinating efforts to form a veritable European Theatre and to produce EXODUS. Björn studied Drama, Literature and Political Science at the Ludwig-Maximilians-Universität in Munich. In 1997 he founded Munich based Theater Sündenfall. Since 2006, the company is consisting of a Franco German team that is regularly performing on an international level. Björn?s international experience includes the organisation of various guest performances amongst others in Washington, D.C., Boston, New York, Vienna, Budapest and Paris.

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